Sake-Wettbewerbe verstehen: Kanpyokai, IWC, SAKE COMPETITION und Kura Master
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was ein „Goldmedaillen"-Etikett auf einer Sake-Flasche eigentlich bedeutet? Die Antwort vorweg: Eine Goldmedaille zeigt, dass eine Brauerei über hohes handwerkliches Können verfügt – sie garantiert nicht automatisch, dass genau diese Flasche außergewöhnlich gut schmeckt. Der Grund dafür ist einfach: Sake-Wettbewerbe unterscheiden sich stark in Trägerschaft, Prüfungsziel und damit auch in der Bedeutung ihrer Auszeichnungen. Dieser Artikel ordnet vier der bekanntesten Wettbewerbe danach, wer sie ausrichtet, was sie bewerten und wie die Jurierung abläuft. Kanpyokai-Wettbewerbe (Prüfung des handwerklichen Könnens), internationale Wettbewerbe und Verkostungswettbewerbe für Handelsware messen jeweils etwas anderes. Wer diesen Unterschied kennt, kann Auszeichnungen als das lesen, was sie tatsächlich sind – ein hilfreiches, aber begrenztes Auswahlkriterium.
Was ein Sake-Wettbewerb überhaupt misst
Ein Sake-Wettbewerb ist eine Instanz, in der externe Juroren – also Fachleute außerhalb der Brauerei – die Qualität eines Sake bewerten. Wichtig dabei: Diese Bewertung ist kein absolutes Geschmacksranking, sondern lediglich ein relatives Urteil zu einem bestimmten Zeitpunkt nach einem bestimmten Maßstab.
Wettbewerbe lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Die eine ist der Typ „Kanpyokai" (鑑評会, wörtlich „Bewertungsversammlung") – hier wird das handwerkliche Können einer Brauerei geprüft. Die andere ist der Typ „Verkostungswettbewerb", bei dem die Qualität handelsüblicher, im Laden erhältlicher Sakes im Vordergrund steht. Das bekannteste Beispiel für den ersten Typ ist der Zenkoku Shinshu Kanpyokai (National New Sake Awards), für den zweiten Typ die SAKE COMPETITION. Die internationalen Wettbewerbe IWC (International Wine Challenge) und Kura Master bewerten Sake dagegen aus der Perspektive ausländischer Märkte.
Ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist der Prüfgegenstand: Manche Wettbewerbe bewerten „Wettbewerbs-Sake" (Sake, der eigens für die Einreichung gebraut wurde und sich von der Ladenware unterscheiden kann), andere bewerten „Handelsware" (Sake, den man tatsächlich im Laden kaufen kann). Dieser Unterschied ist entscheidend dafür, wie man eine Auszeichnung später einordnet – wir kommen im zweiten Teil des Artikels darauf zurück.
Der Zenkoku Shinshu Kanpyokai: der nationale Maßstab für brautechnisches Können
Der Zenkoku Shinshu Kanpyokai (全国新酒鑑評会, National New Sake Awards) wird gemeinsam vom National Research Institute of Brewing (NRIB), einer unabhängigen Verwaltungsbehörde, und dem japanischen Sake-Brauereiverband ausgerichtet. Ziel ist es, anhand von Proben des im jeweiligen Jahr neu gebrauten Sake aus dem ganzen Land den aktuellen Stand von Brautechnik und Sake-Qualität landesweit zu erfassen. Die Ursprünge reichen bis 1911 zurück, als der „Zenkoku Kanpyokai" erstmals stattfand – ein Wettbewerb mit über einem Jahrhundert Geschichte.
Die Jurierung erfolgt in zwei Stufen: In der Vorrunde werden Aromaqualität und Gesamteindruck bewertet. Die Sakes, die diese Vorrunde bestehen, kommen in die Hauptrunde, wo sie in drei Kategorien eingestuft werden: „besonders gut", „gut" oder „sonstige". Wer die Vorrunde übersteht, erhält die Auszeichnung „Nyusho" (Anerkennung), wer in der Hauptrunde als „besonders gut" eingestuft wird, erhält Gold. Gold ist deutlich seltener als Nyusho und geht an weniger als etwa 30 % der eingereichten Sakes.
Für die Teilnahme gelten feste Bedingungen: Der Sake muss beispielsweise ein unverdünnter Ginjo-Sake sein (unverschnitten, mit besonders fein poliertem Reis gebraut) und einen bestimmten Mindestsäuregehalt aufweisen. Entscheidend ist hier: Der für den Kanpyokai eingereichte Sake wird oft eigens für die Bewertung gebraut und ist nicht zwangsläufig identisch mit dem, was später im Laden steht. Eine Goldmedaille belegt zwar das handwerkliche Können der Brauerei, sagt aber nichts darüber aus, ob genau dieser prämierte Sake überhaupt käuflich zu erwerben ist.
Die Zahl der Einreichungen und Auszeichnungen schwankt von Jahr zu Jahr. Im Braujahr Reiwa 7 (2025) wurden von 793 eingereichten Sakes 411 mit Nyusho ausgezeichnet, davon 217 mit Gold (Stand: Redaktionsschluss dieses Artikels).
Die internationalen Wettbewerbe IWC und Kura Master: Bewertung aus Sicht ausländischer Märkte
IWC und Kura Master sind beide international ausgerichtete Wettbewerbe mit Sitz im Ausland. Während die japanischen Kanpyokai das handwerkliche Können messen, steht hier die Frage im Mittelpunkt, wie Sake auf ausländischen Märkten wahrgenommen wird. Auffällig ist auch, dass die Jurys überwiegend aus Wein- und Gastronomiefachleuten bestehen.
IWC SAKE-Kategorie
Die IWC ist ein Weinwettbewerb, den das britische Unternehmen IWC Events Ltd in London veranstaltet; die SAKE-Kategorie wurde 2007 eingeführt. Sie gliedert sich in mehrere Unterkategorien wie Junmai (reiner Reissake ohne Zusatz von Alkohol), Junmai Daiginjo (Junmai mit besonders fein poliertem Reis), gereifter Sake und Schaumsake (die genaue Einteilung wird jährlich überprüft und ändert sich gelegentlich – aktuelle Angaben finden sich in den offiziellen Veröffentlichungen der Veranstalter).
Die Jurierung erfolgt vollständig blind, das heißt ohne Kenntnis der Markenbezeichnung, und verläuft in zwei Stufen. Vergeben werden Gold-, Silber- und Bronzemedaillen sowie die Auszeichnung „Commended". Aus den Goldmedaillengewinnern werden besonders herausragende Sakes mit einer „Trophy" ausgezeichnet, und einer dieser Trophy-Gewinner erhält den höchsten Preis der Kategorie: „Champion Sake". Dass Sake hier nach denselben Maßstäben wie Wein bewertet wird, ist das prägende Merkmal dieser Kategorie.
Kura Master
Kura Master ist ein französischer Sake-Wettbewerb, der von Franzosen in Frankreich ausgerichtet wird. Er wurde 2017 ins Leben gerufen; Jury-Präsident ist der Sommelier Xavier Thuizat. In der Jury sitzen unter anderem Sommeliers aus Fünf-Sterne-Hotels und Mitarbeiter von Michelin-besternten Restaurants – ein Wettbewerb, der stark aus der Perspektive lokaler Fachleute geprägt ist und danach fragt, wie Sake sich in die französische Esskultur einfügt.
Bewertet wird ausschließlich Handelsware, die Jurierung erfolgt blind, nach einem 100-Punkte-Additionssystem. Ab 93 Punkten gibt es Platin, zwischen 80 und 92 Punkten Gold. Aus den Platin-prämierten Sakes werden pro Kategorie „Prix du Jury" (Jurypreise) vergeben, und aus diesen wiederum ein einziger Hauptpreis, der „Prix du Président". Ausgezeichnet werden können höchstens etwa 33 % aller eingereichten Sakes.
SAKE COMPETITION: der Verkostungswettbewerb für handelsübliche Sakes
Die SAKE COMPETITION ist ein japanischer Wettbewerb, der ausschließlich handelsübliche, im Laden erhältliche Sakes bewertet. Sie wurde 2012 gegründet. Grundgedanke ist, unabhängig von Markenbekanntheit oder Brauereigröße rein den Geschmack zu vergleichen.
Das auffälligste Merkmal ist die konsequente Blindverkostung: Nicht nur die Markenbezeichnung wird verborgen, auch die Reihenfolge der Verkostung wird per Computer zufällig durchmischt. Die Jurierung erfolgt in Vor- und Hauptrunde. In den letzten Jahren gab es Kategorien wie Junmai, Junmai Ginjo, Junmai Daiginjo und Super Premium (die jeweils aktuelle Kategorieneinteilung ist den offiziellen Veröffentlichungen des Veranstalters zu entnehmen). Die Junmai-Kategorien werden nach einem Fünf-Punkte-System bewertet; in einer Kategorie beurteilen zusätzlich Sommeliers Aroma und Geschmack. Die zehn bestplatzierten Sakes jeder Kategorie (bei Super Premium die besten drei) erhalten die höchste Auszeichnung GOLD.
Während der Kanpyokai das handwerkliche Können misst, misst die SAKE COMPETITION, wie gut der tatsächlich verkaufte Sake schmeckt. Deshalb ist der prämierte Sake in der Regel unverändert im Laden erhältlich – das ist der wichtigste Unterschied zum Zenkoku Shinshu Kanpyokai.
Die vier Wettbewerbe im Überblick
Die folgende Tabelle stellt die vier Wettbewerbe nach Veranstalter, Prüfgegenstand, Bewertungsverfahren und wichtigsten Auszeichnungen gegenüber.
| Wettbewerb | Veranstalter | Prüfgegenstand | Was gemessen wird | Jurierung | Wichtigste Auszeichnungen |
|---|---|---|---|---|---|
| Zenkoku Shinshu Kanpyokai | NRIB + japanischer Sake-Brauereiverband (Japan) | Neu gebrauter Sake des Jahres (Wettbewerbs-Sake, teils abweichend von der Handelsware) | Handwerkliches Können der Brauerei | Zwei Stufen: Vor- und Hauptrunde | Nyusho, Gold |
| IWC SAKE-Kategorie | IWC Events Ltd (Großbritannien) | Handelsware | Bewertung auf ausländischen Märkten | Vollständig blind, zwei Stufen, nach Kategorie | Gold/Silber/Bronze, Commended, Trophy, Champion Sake |
| Kura Master | Organisationskomitee (Frankreich) | Handelsware | Bewertung auf dem französischen Markt | Blind, 100-Punkte-Additionssystem | Gold, Platin, Prix du Jury, Prix du Président |
| SAKE COMPETITION | Organisationskomitee (Japan) | Handelsware | Geschmack der Handelsware | Vollständig blind, Vor- und Hauptrunde | Platzierung je Kategorie, GOLD u. a. |
Anzahl der Kategorien, Auszeichnungen und Prämierungsquoten ändern sich von Jahr zu Jahr. Aktuelle Angaben finden Sie stets in den offiziellen Veröffentlichungen der jeweiligen Veranstalter.
Auszeichnungen richtig lesen: drei Einschränkungen
Auszeichnungen sind eine nützliche Orientierungshilfe, aber beim Lesen sollten Sie drei Punkte beachten.
Erstens: Eine Auszeichnung ist eine Momentaufnahme. Sie spiegelt das Urteil einer bestimmten Jury bei einem bestimmten Wettbewerb in einem bestimmten Jahr wider. Dass eine Brauerei im Folgejahr erneut ausgezeichnet wird, ist keineswegs garantiert – und ein nicht prämierter Sake ist deshalb nicht automatisch weniger gut. „Goldmedaille bedeutet garantiert hervorragend" ist also eine zu einfache Gleichung.
Zweitens: Wettbewerbs-Sake und Handelsware können unterschiedliche Produkte sein. Das gilt besonders für den Zenkoku Shinshu Kanpyokai, dessen Einreichungen mitunter eigens für die Bewertung gebraut werden und inhaltlich von der Ladenware abweichen können. Das Etikett „aus einer goldprämierten Brauerei" bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass genau dieses Produkt selbst ausgezeichnet wurde. Mehr dazu auch im Artikel Häufige Missverständnisse über Sake.
Drittens: Jeder Wettbewerb misst nach einem anderen Maßstab. Der Kanpyokai bewertet handwerkliches Können, internationale Wettbewerbe die Wahrnehmung auf ausländischen Märkten, Verkostungswettbewerbe für Handelsware den alltäglichen Geschmack. Welche Auszeichnung für Sie relevant ist, hängt davon ab, was Sie suchen: Wer einen Sake zum Essen sucht, orientiert sich besser an Auszeichnungen für Handelsware; wer das handwerkliche Können einer Brauerei einschätzen möchte, findet im Kanpyokai die passenderen Anhaltspunkte.
Auszeichnungen sind letztlich nur eines von mehreren Auswahlkriterien. Praktische Tipps für die Sake-Auswahl finden Sie auch in unserem Leitfaden zum Sake-Kauf.
Auszeichnungen bei Ponsh nachschlagen
Bei Ponsh verwalten wir Auszeichnungshistorien von Sake in einer Datenbank. Die Datenstruktur verknüpft vier Elemente: den Wettbewerb (Contest), das Veranstaltungsjahr (ContestEdition), die Auszeichnung selbst (Award) sowie die ausgezeichnete Marke oder das ausgezeichnete Produkt (AwardWinner).
Über diese Struktur können Sie von der Seite einer Marke aus nachvollziehen, bei welchem Wettbewerb sie welche Auszeichnung erhalten hat – und umgekehrt von einem Wettbewerb aus die Liste aller prämierten Marken einsehen. Wenn Sie bis hierher gelesen haben, kennen Sie die Bedeutung dieser Auszeichnungen nun genauer und können sie nicht mehr nur als „schmückendes Beiwerk", sondern als „fundiert einzuordnende Bewertung" lesen. Nutzen Sie die Auszeichnungshistorie gerne, um Ihre nächste Sake-Entdeckung zu machen.
- Dieser Artikel richtet sich an Leserinnen und Leser im gesetzlichen Mindestalter für Alkoholkonsum (in Japan 20 Jahre). Bitte konsumieren Sie Alkohol verantwortungsbewusst. Verzichten Sie während Schwangerschaft und Stillzeit auf Alkohol und trinken Sie niemals vor dem Fahren.